Badische Zeitung , Ticket vom 5.-10. Januar 2001 DAS THEATER ZERBERUS INSZENIERT EINEN EIGENWILLIGEN "MACBETH" Wenn die Natur Kopf steht Das Freiburger Theater Zerberus erforscht die Psyche des berühmtesten Königsmörders der Theatergeschichte. Die Produktion fußt auf den Textvorlagen von William Shakespeare und Heiner Müller, wurde jedoch auf ein dreiköpfiges dramatisches Personal zusammengeschmolzen. Stephan Reuter erkundigte sich bei Regisseurin Yvonne Lötz nach dem Befinden des neuen  "Macbeth". Ticket: Die Premiere wurde von Herbst auf Januar verschoben. Woran lag's, war Heiner Müller schwer verdaulich? Lötz: Gar nicht. Ich hatte anfangs eine andere Besetzung für Lady Macbeth. Lisbeth Felder sollte sie spielen. Aber dann hatte sie gesundheitliche Probleme und wir mussten umbesetzen. Ticket: Der Abend heißt "Macbeth oder Am Anfang war der Mord". Warum der Untertitel? Lötz: Der soll zeigen, dass wir es nicht mit "Macbeth" zu tun haben, wie ihn Shakespeare geschrieben hat - sprich: nicht in der Szenenfolge und der Besetzung -, sondern nur mit drei Personen: Lady Macbeth, Macbeth und eine dritte Person, die ich ,Die dunkle Ahnung" nenne. Dann gibt es noch die drei Hexen, von denselben Darstellern gespielt Ich habe eine neue Fassung geschrieben, auf der Basis der altertümlichen Übersetzung von Dorothea Tieck, der aktuellen von Frank Günther, auf Heiner Müllers Adaption und dem englischen Original. Mein Ausgangspunkt: Macbeth in seinen letzten Minuten, als ihm klar wird, jetzt ist es aus. Ticket: Als der Wald, wie prophezeit, zu ihm kommt... Lötz: Ja, was rast ihm da durch den Kopf? Wir zeigen seinen Lebensfilm, jedoch nicht chronologisch, sondern in Gedanken- und Bilderfetzen. Ticket: Sie steigen also in seinen Kopf hinein. Und wen finden Sie? Den Prototypen des politischen Verbrechers? Lötz: Für uns ist Macbeth kein politischer Mensch, im Gegensatz zu seiner Frau. Sondern jemand mit großer Intuition und zu viel Fantasie. Ein Mann, den man nicht erklären kann, dessen Handeln Quantensprünge aufweist Ich glaube auch, dass Shakespeare ihn so gemeint hat "Macbeth" hinterlässt Fassungslosigkeit und Nicht-Begreifen, denn man kann nicht erklären, warum sich eine Mordmaschinerie plötzlich verselbständigt. Zunächst war es sein Handwerk zu metzeln. Dann stachelt ihn seine Fantasie zum Königsmord an, was damals ja fast ein Gottesmord war. Doch sie treibt ihn auch ein Stück weit in den Wahnsinn: Er hört seine Stimme im Kopf wie ein Echo. Und er beginnt zu zaudern. Ticket: Setzt man so nicht die kritische Distanz zu diesem Machtrnenschen aufs Spiel? Lötz: Nein. Macbeth ist auch Opfer seiner Hirngespinste. Dadurch wird er aber nicht verharmlost, sondern noch gefährlicher. Unberechenbar. Ticket: Welche Rolle weisen Sie den Hexen zu? Sind sie das andere Ich der Figuren? Lötz: Sie sind bei uns sehr komisch und verspielt. Es dürfte einige Lacher geben. Wir verstehen das Stück nicht bloß blutrünstig, sondern arbeiten mit der ganzen Bandbreite der Emotionen. Und was bei Macbeth-Inszenierungen oft vergessen wird: der Moment der Schlaflosigkeit. Diese beiden Menschen haben monatelang nicht geschlafen. Dadurch erklärt sich vieles von selbst. Alles ereignet sich im Übergang zwischen Tag und Nacht, im Zwischenraum. Die Natur steht Kopf nach dem Königsmord - "da hacken die Mäuse die Falken tot". "Macbeth" dreht sich um etwas, das wider die Natur geschehen ist. Yvonne Lötz    Geboren 1964 in Freiburg    1990/91 Studium der Malerei an der Ecole des BeauxArts (Paris); diverse Ausstellungen    1994 bis 97 Studium der Theaterregie in Frankfurt. Regisseurin, Bühnen- und Kostümbildnerin u. a. in Frankfurt,      Wiesbaden,  Darmstadt, Karlsruhe, Basel, Berlin    Gründete 1989 mit Raimund Schall das Theater Zerberus (zunächst: Theater Caprice):    Schauspieler, Künstler, Musiker und Tänzer kooperieren in wechselnden Besetzungen.    Lebt seit 1998 wieder in Freiburg Badische Zeitung vom 13. Januar 2001 zur Premiere Der Geschmack der Angst ,,Am Anfang war der Mord": Der ,,Macbeth" des Freiburger Theaters Zerberus im E-Werk Dies ist die Reise in den Kopf eines Feldherrn, der seine Freiheit verloren hat. Der den Glanz eines Sieges verwirft zu Gunsten eines grelleren Lichts: der schottischen Kronjuwelen. Der dafür über Leichen steigt, auch über die seines Königs und seines Freundes. Man kennt seinen Namen: ,,Macbeth". Das Freiburger Theater Zerberus versieht die Tragödie mit einem Untertitel, gleichsam mit einer Prophezeiung, die Macbeths Schicksal in einen Satz presst ,,Am Anfang war der Mord".     Zwar steht bei Shakespeare am Anfang die Versuchung. Doch in der Zerberus-lnszenierung, die nun nach langer Vorbereitungsphase im E-Werk Premiere hatte, braucht niemand spitzfindig auf den überlieferten Text und seine Dramaturgie zu schielen. Beides hat die Regisseurin und Bühnenbildnerin Yvonne Lötz zerpflückt und zu einer eigenen -höchst eigenwilligen - Adaption geformt. Ein Dramenkonzentrat, das Macbeth und seine Lady ins Spotlight rückt und auf die übrigen Nebenfiguren mit Ausnahme der Hexen verzichtet - vielleicht, wie die Stimme aus dem Off anfangs andeutet, ,,ein Märchen, erzählt von einem Irren". Das Theater dreht das Uhrwerk der Tragödie vorwärts und rückwärts Ein erstes, intensives Bild: Macbeth (Karl-Heinz Maurer) kauert auf kargen Stufen. Um ihn gähnt Leere. Er selbst scheint entrückt, ein einsamer Mönch, kein Kriegsmonster mehr, eher ein Melancholiker, dem ein ganzer Staat auf das Gewissen drückt: Macbeth kommandiert den Tod in Schottland. Prompt nimmt er Gestalt an: ein scharfer Lichtschnitt, harte Gitarre, schweres Cello, ein gehetzter Ultrasound à la Inchtabokatables (hörenswert: Christian Rabes Musik) und herein bricht Raimund Schall.     Mit Siebenmeilenschritten stiefelt er vor Macbeth auf und ab. Ein Todesengel, ein Hirngespinst Macbeths? Jedenfalls eine graue Eminenz, welche die Regisseurin für sich ,,Die dunkle Ahnung" genannt hat, eine allegorische Figur, wie sie nicht in Shakespeare steht. Dieser Höllenpförtner diktiert das traumatische Geschehen, peinigt den Tyrannen, lässt ihn die Stiche in König Duncans Herz exerzieren, arrangiert Koffer zu offenen Urnengräbern, die Macbeth zu stößt.     Davor, dazwischen, andere suggestive Bilder: Soeben war von Macbeths ,,Hemd aus Stein" die Rede, da löst sich, bislang unsichtbar, Lady Macbeth  aus seinem Schatten. Auch sie steckt im grauen Mantel, der zeitlosen Zwangsjacke der Bühnen-Machtmenschen. Sie treibt ihren Mann zu seinen Mordtaten. Und sie reibt sich die trockenen Hände, sucht die Schuld fortzujagen, während sie dem Bühnenrand des Wahnsinns entgegen trippelt. Ein paar Szenenfragmente weiter wird sie wie eine Gans auf der Schlachtbank kreischen,  den  grässlichen Wunsch äußern, ,,entweibt" zu werden. Ausgerechnet in dieser Phase bietet ihr, der Leblosen, der Schall´sche Mephistopheles Macbeths schlaffen Körper an -eine närrische Kuppelei, der Hohn der Hölle auf Erden.     Eine gewagte, eine verrätselnde Inszenierung. Das Theater Zerberus dreht das Uhrwerk der Tragödie rückwärts und vorwärts, wie es will. Der Zeiger hüpft, schlägt aus und zählt die dunklen Stunden. Dieser ,,Macbeth" kann den Geschmack der Angst keine Sekunde vergessen. Es gibt Sequenzen, deren atmosphärische Dichte die Klasse der beiden Hauptdarsteller verrät Doch warum reicht es nicht, die Geister, die Macbeths Hirn martern, über Karl-Heinz Maurers Gesicht huschen zu lassen? Glänzt nicht genug Verblendung in Raquel Erdtmanns Augen? Statt dessen reißt - etwa in einem, im Grunde fein geschliffenen ,,cross dialogue" zwischen King und Oueen - die Allegorie der dunklen Ahnung die Aufmerksamkeit an sich. Und leider auch das Stück auseinander. Stephan Reuter