Badische Zeitung Dienstag, 16. Februar 2010 Der Schöpfer und sein unheimliches Geschöpf Das freie Theater Zerberus hat sein 2006 uraufgeführtes Stück "Der Golem" erstmals in Freiburg auf die Bühne gebracht. Theater Zerberus: Golem Vom Freiburger Theater Zerberus hat man schon lange nichts mehr gehört. Jetzt spielte die freie Gruppe um den Schauspieler und Pantomimen Raimund Schall, die Bühnenbildnerin Yvonne Lötz und den Musiker Hartmut Nold ihr 2006 in der Synagoge in Kippenheim uraufgeführtes Stück "Der Golem" erstmals in Freiburg und das an einem ungewöhnlichen Ort: Inmitten von Gemälden und Holzskulpturen in der neugegründeten Produzentengalerie depot.K in der Schopfheimer Straße. Seit Mai 2009 finden in der lichten Hinterhofhalle nicht nur regelmäßige Ausstellungen, sondern auch Lesungen, Musik- und Theaterveranstaltungen statt. Der Boden ist bedeckt mit vergilbtem Papier voll hebräischen Schriftzeichen, das orange Licht erinnert an den Schein alter Straßenlaternen. Während Hartmut Nold im Hintergrund sphärische Klänge mit Vibraphon, Gongs und Plattenglocken produziert, stolpert und kreiselt ein Mann mit schwarzem Mantel und Hut auf die Bühne: Gehetzt, verwirrt vor sich hin sprechend, wobei aus seinen Gesten immer wieder bizarre, seltsam mechanische Bewegungsmuster werden: Halb Tanz, halb Wahn. Papierbündel flattern aus seinen Händen wie panische Tauben, dann liegt er stumm auf dem Boden. Nach und nach beginnt er zu erzählen: Dass schlimme Zeiten in Prag herrschten – und er, Rabbi Löw, doch sein Volk schützen musste vor den Pogromen. Nur deswegen kam es zu allem. Sicher, er hat gesündigt, aber er wollte endlich gegen das Unrecht aufbegehren und so schuf er eines Nachts mithilfe kabbalistischer Rituale den Golem, ein ungeschlachtes Wesen aus Erde, das nun unerbittlich Angst mit Angst beantwortet und Gewalt mit Gewalt... Atemlos bringt Schall diesen Monolog auf die Bühne. Immer wieder stockt seine Erzählung, transformiert in den Momenten der Stille zu expressionistischer Körpersprache, zu unwirklichen, traumhaften Szenen. Dann genügen die Worte nicht mehr, entstehen stattdessen im Dialog mit der Klangperformance Atmosphäre und innere Bilder. Im Laufe dieser ebenso spannenden wie fesselnden Stunde verwischen sich mehr und mehr die Grenzen zwischen Schöpfer und seinem unheimlichen Geschöpf: Schon steckt der Rabbi als kopfloser, ungelenker Riese in seinem eigenen Mantel, längst hat das Schattenwesen von ihm Besitz ergriffen und sich selbstständig gemacht. Eine beeindruckende Begegnung mit dieser jüdischen Legende, die nicht erst seit Gustav Meyrinks Fantasy-Klassiker aus dem Jahr 1915 Stoff für alle Kunstsparten liefert. Denn ob Golem, Homunkulus, Frankenstein oder Klon – die Frage nach Ethik und Grenzen des Menschenmöglichen sind zeitlos. Dieser Golem ist jedenfalls im Wandel: Zu jeder Aufführung schreibt Schall die Texte um und auch auf der Bühne wird immer neu improvisiert. – Nächster Termin: 28. Februar, 20 Uhr im Schlosskeller in Emmendingen. von: Marion Klötzer Presse: Premiere Badische Zeitung vom Donnerstag, 19. Januar 2006 Rituelle Gesten, unbeholfene Spasmen Das   Theater   Zerberus   zeigte   in   der   Villa   Simmler   in   Offenburg   eine   eindringliche Version des Schöpfungsmythos´ “Der Golem” OFFENBURG.   Die   Geschichte   ist   uralt   und   immer   wieder   neu:   Der   Mensch   schafft   sich   ein   Wesen,   das   ihm dient.   Oder   um   Gott   gleich   zu   sein.   Fausts   Homunculus,   Mary   Shelleys   Frankenstein,   die   Roboter   der Science Fiction oder Dolly, das Klon-Schaf. Und natürlich der Golem, der “Unvollkommene” so die Übersetzung des Worts. Angeblich von Rabbi Jehuda Löw im Prag des 16. Jahrhunderts aus Lehm geformt und zu stummem, unselbständigem Leben erweckt. Das Freiburger Theater “Zerberus” zeigte am Samstagabend in der Villa Simmler in Offenburg - ein bemerkenswerter Veranstaltungsort für leise musikalische und darstellerische Kunst - eine sehr eigenwillige “Golem” -Version. Das Geschöpf als Teil des Schöpfers, als Wunschtraum vielleicht oder schizophrene Persönlichkeitsabspaltung? Als des Schöpfers andere Seite, ein wenig wie beim Mythos von Jekyll und Hyde? Verstärkt wird dieser Eindruck nicht zuletzt dadurch, dass die eine Hälfte von “Zerberus” , der Darsteller Raimund Schall, beide Figuren spielt, den Rabbi Löw mit den Mitteln des Schauspielers, den Golem mit jenen der Pantomime. nd das funktioniert! Wenn das Publikum den Theaterraum betritt, sitzt auf der Bühne einer - schwarze Kleidung, schwarzer Hut. Er schreibt, murmelt, sinnt, seufzt. Dann, irgendwann, schwebt ein Ton herein, wie körperlos, wie Sphärenmusik. Und in diesen schwebenden, körperlosen Raum hinein spricht die Figur auf der Bühne, stellt sich vor, erzählt: “Ich habe den Golem geschaffen.” Wir erleben, wie dieses Wesen die dingliche Welt betritt, eine Szene im Halbschatten, voller Keuchen, voller Metallklang, der bedrängt, das Publikum fast angreift. Die rituellen Gesten des Rabbis fließen hinüber in die unbeholfenen Spasmen des Golem. Dann steht er da, unförmig, gesichtslos. Die Musik - besser: der Klang - ist der vielleicht wichtigster Teil des Stücks. Der Percussionist Hartmut Nold verlegt die Golem-Geschichte ganz in innere “Räume” , die der Theatergast selber mit Bildern füllt. Der Ton macht das Stück halb zum Hörspiel, vom lang nachschwingenden “Pling” eines Glöckchens bis zur Kakophonie auf Gongs und Metallplatten, stets durchsetzt von der halb raunenden Stimme des Rabbis. Wir erfahren, wie der Golem, immer stumm, immer scheinbar unbewegt, mehrfach die jüdische Gemeinde Prags vor Anschlag und Verleumdung rettet. “Dafür habe ich ihn geschaffen” , erklärt der Rabbi Löw. Doch wir erfahren auch, wie der Golem Dinge tut, für die er nicht geschaffen war, Dinge, die mit Hass, mit Furcht, mit Stolz zu tun haben. Gefühle, die das Wesen nicht haben soll und kann und die der Rabbi als seine eigenen erkennt - ein Punkt, der vom Darsteller noch zu verstärken wäre. Der Offenburger Golem war die Premiere des Stücks, das sich noch weiter entwickeln wird, so das “Zerberus” -Duo. Am Ende bringt der Rabbi den Golem zu einem langen Schlaf auf den Speicher der Prager Synagoge, ein offener Schluss, der unausgesprochen impliziert, dass das Wesen Golem in der Welt ist und erwachen kann, so jemand das magische Wort nur kennt.